Leseförderung: Zauberstein mit Lupeneffekt auf Text (Auszug "Aus “Gustav vor, noch ein Tor!“ von Ingo Siegner erschienen bei Leuenhagen & Paris)

Wenn Lesen schwerfällt: Bücher neu betrachten

Wie ein Perspektivwechsel hilft, passende Bücher zu finden — und über die Kraft von Zaubersteinen!

12. Juni 2026 Lesedauer 5 min 0

Anfang Juni fand die Fachtagung des Bundesverbands Leseförderung (BVL) unter dem Motto „Recht auf Lesen – von Anfang an“ statt. Libri unterstützte die Veranstaltung als BVL-Mitglied und nahm sie zum Anlass für ein Gespräch mit Andrea Dippel: über passende Bücher für Kinder, denen das Lesen schwerfällt, und über motivierende Impulse, die auch im Buchhandelsalltag funktionieren.

Liebe Frau Dippel, was bedeutet das „Recht auf Lesen“ für Sie persönlich und für Ihre Arbeit als Lese- und Literaturpädagogin?

In meiner Arbeit als Lese- und Literaturpädagogin begegne ich Kindern und Jugendlichen, für die Lesen nicht selbstverständlich ist. Viele von ihnen erleben Bücher nicht als Bereicherung, sondern als Herausforderung. Deshalb bedeutet das Recht auf Lesen für mich mehr, als den Zugang zu Büchern zu ermöglichen. Es bedeutet auch das Recht auf das passende Buch und auf Menschen, die dabei helfen, dieses Buch zu finden.

Im Buchhandel arbeiten Menschen, die überdurchschnittlich lesekompetent sind und Orientierung in einer kaum noch überschaubaren Buchvielfalt bieten. Diese große Stärke bringt gleichzeitig eine besondere Herausforderung mit sich: Wer Lesen mühelos beherrscht, betrachtet Bücher oft mit anderen Augen als diejenigen, die sich diese Kompetenz gerade erst erarbeiten.

Wenn wir das Recht auf Lesen ernst nehmen, müssen wir deshalb unsere Perspektive wechseln und verstehen, warum manche Kinder an einem Buch scheitern, obwohl sie die Geschichte lieben würden.

Andrea Dippel
Lese- und Literaturpädagogin und stv. Vorsitzende des Bundesverbands Leseförderung mit über 20 Jahren Erfahrung als Buchhändlerin

Andrea Dippel

Mein Schwerpunkt liegt auf der Förderung schwach lesender Kinder und Jugendlicher. Mit niederschwelligen, wertschätzenden und spielerischen Methoden eröffne ich Zugänge zum Lesen, zu Sprache, zu Büchern und Geschichten.

Das passende Buch finden hört sich wunderbar an, doch sprachen Sie gerade selbst die Buchvielfalt an. Welche Tipps haben Sie für Buchhändler*innen?

Lesenlernen ist ein hochkomplexer Prozess. Während geübte Leserinnen und Leser Wörter und ganze Satzteile auf einen Blick erfassen, müssen viele Kinder Buchstaben, Silben und Wörter noch mühsam entschlüsseln. Dazu kommt, dass Kinder mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen in die Schule starten. Manche wachsen mit regelmäßigen Vorlesemomenten auf, andere haben deutlich weniger Berührungspunkte mit Schrift und Sprache. Manche erfahren zuhause intensive Unterstützung beim Lesenlernen, andere müssen viele Schritte allein bewältigen. Auch Sprachkompetenz, Wortschatz und Vorwissen unterscheiden sich erheblich.

In der Beratung steht also kein passgenaues Leselevel vor uns, sondern ein Kind, das vielleicht bereits ersten Lesefrust erlebt hat, weil der Weg zu den spannenden Geschichten viel steiniger ist als erwartet. Deshalb lohnt es sich, genau hinzuschauen und jedes Kind dort abzuholen, wo es gerade wirklich steht.

Schriftempfehlung: ABeeZee

Diese (kostenlose) Schrift wurde für Leseanfänger*innen entwickelt und ist auch für Kinder mit Legasthenie geeignet.Jeder Buchstabe hat eine eigene Form und kann gut unterschieden werden, u. a. sind b/d nicht gespiegelt), rundes Fibel-A.

Mein wichtigster Tipp ist deshalb, Bücher – und hier ganz besonders die Erstleseliteratur – mit den Augen dieser kleinen Leseanfänger zu betrachten und sich dabei auch einmal von den aufgedruckten Lesestufen und Altersempfehlungen der Verlage zu lösen. Denn manchmal entscheiden schon kleine Hürden darüber, ob ein Buch motiviert oder überfordert. Ein Beispiel sind formale Textkriterien, bei denen sich ein genauer Blick lohnt:

  • Wie groß ist die Schrift wirklich?
  • Welche Schrift wurde verwendet?
  • Wie sind Buchstaben, wie das kleine „a“ gestaltet?
  • Sind die Wörter und Sätze kurz und überschaubar?
  • Werden schwierige Wörter durch Illustrationen unterstützt?
  • Wie groß sind die Zeilenabstände?
  • Wie viel Text befindet sich auf einer Seite?
Lesbarkeit auf dem Prüfstand

Hilfreich kann es sein, gemeinsam mit dem Kind in das Buch hineinzuschauen.

  • Wie wirkt der Text auf den ersten Blick – lesbar oder einschüchternd?
  • Enthält er Wörter, die das Kind bereits sicher erkennt?

Denn am Ende geht es darum, das Buch zu finden, mit dem ein Kind seinen nächsten Schritt als Leserin oder Leser gehen kann. Genau diese Erfolgserlebnisse machen Lust auf das nächste Buch.

Wie können wir die Lust am Lesen noch fördern?

Lesen ist für viele Kinder zunächst vor allem anstrengend und häufig auch frustrierend. Deshalb braucht es kleine Erfolgserlebnisse, denn Lesenlernen gelingt in vielen kleinen Schritten. Spielerische Zugänge können dabei helfen: Ein gemeinsames Lesespiel, ein Suchauftrag im Buch oder das Entdecken bekannter Wörter wirken oft motivierender als die Aufforderung: „Lies doch mal zehn Minuten!“

Eine wichtige Rolle spielen dabei die begleitenden Erwachsenen. Die wenigsten Kinder setzen sich allein mit einem Buch auseinander. Vorlesen, gemeinsames Entdecken von Geschichten und echtes Interesse machen den Unterschied. Gerade Kinder, die sich mit dem Lesen schwertun, brauchen jemanden, der sie ermutigt und ihre Fortschritte wahrnimmt.

Und genau hier kann auch der Buchhandel einen wichtigen Impuls geben. Es müssen gar nicht immer die großen Aktionen sein. Ich würde mir wünschen, dass wir Lesefrust sichtbarer machen. Warum nicht einmal einen „Lesen ist doof, oder…?“-Tisch gestalten? Mit Lesespielen, besonders gelungener Erstleseliteratur und Büchern, die das Lesenlernen humorvoll aufgreifen. Das schafft Gesprächsanlässe und signalisiert Kindern und Eltern: Ihr seid mit euren Herausforderungen nicht allein.

Zauberstein
Klare Glasnuggets dienen als Zauberstein.

Dazu passen auch kleine Ideen, die Familien mit nach Hause nehmen können. Ich denke da zum Beispiel an einen einfachen weißen Glasnugget als „Zauberstein“ oder „Lesestein“. Durch seine Lupenfunktion kann das Kind einzelne Wörter vergrößern, Wort für Wort lesen oder sich auf die Suche nach bestimmten Wörtern im Buch machen. Das kostet fast nichts, macht vielen Kindern aber erstaunlich viel Freude.

Vielleicht liegt genau darin eine Chance für den Buchhandel: nicht nur Bücher zu verkaufen, sondern Familien zu zeigen, wie Lesen zuhause spielerisch gelingen kann. Denn Leseförderung beginnt nicht nur mit dem Buch selbst, sondern mit einer positiven Erfahrung rund um das Buch.

Herzlichen Dank, dass Sie uns die Perspektive der Kinder nähergebracht haben, und für Ihre praxisnahen Tipps!

 


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