Nachhaltigkeit im Buchhandel_SDG

Nachhaltig in der Buchhandlung – wo fange ich an?

Magnus Hetz von der Agentur media4nature erzählt im Interview, was es bedeutet nachhaltig zu wirtschaften, und zeigt erste Schritte für die eigene Buchhandlung.

5. Mai 2022 Lesedauer 7 min 0

Was bedeutet Nachhaltigkeit für Sie?

Viele Menschen verbinden mit dem Wort Nachhaltigkeit allein ökologische Aspekte wie Umwelt- und Klimaschutz. Ursprünglich kommt der Begriff Nachhaltigkeit aus der Forstwirtschaft und sollte dazu führen, dass einem Wald immer nur so viel Holz entnommen wird, wie natürlich wieder nachwachsen kann. Daher stammt sicher auch die Assoziation vieler Menschen mit rein ökologischen Aspekten. Nachhaltigkeit ist aber viel mehr als nur „grün“. Sie ist bunt und betrifft genauso die Bereiche Ökonomie, Soziales und die Zusammenarbeit in all diesen Bereichen. Nachhaltigkeit ist eine Chance, die wir ergreifen sollten.

„Nachhaltigkeit ist bunt!“

Denn wir leben als Menschheit leider über unsere Verhältnisse. Und lange Zeit haben wir davon noch nicht einmal etwas mitbekommen. Seit ein paar Jahren werden die Zeichen und Folgen aber immer deutlicher. Wir müssen also etwas ändern. Wichtig ist aus meiner Sicht auch, dass wir verstehen, dass wir das nicht für die Erde tun oder für die Natur. Der Planet, die Natur kann sich anpassen und tut es auch schon. Unsere Aufgabe ist es, diesen Planeten so zu erhalten, dass wir als Menschheit hier so gut wie bisher existieren können. Mich motiviert dieser kleine Perspektivenwechsel immer wieder, dran zu bleiben.

Was genau heißt aus ihrer Sicht „nachhaltiger werden“?

Wenn es darum geht, ein Unternehmen oder auch den eigenen Lebensstil nachhaltiger zu gestalten, bedeutet das nicht, von heute auf morgen sein gesamtes Leben auf den Kopf zu stellen. Oder im Fall eines Unternehmens, alle Prozesse auf einmal zu verändern. Nachhaltigkeit im individuellen Bereich genauso wie in einem Unternehmen ist immer ein Weg. Und einen Weg geht man nun einmal Schritt für Schritt. Meine Empfehlung lautet hier: Nehmen Sie sich nicht zu viel vor. Und überlegen Sie, mit was sie starten wollen. Sinnvoll ist in jedem Fall, den Ist-Zustand zu kennen. Wo stehe ich denn aktuell bei den verschiedenen Aspekten der Nachhaltigkeit? In welchen Bereichen hat mein Handeln einen großen Einfluss? Mein zweiter Tipp: Setzen Sie sich Ziele. Denn nur wer sein Ziel kennt, kann auch dorthin gehen und ankommen.

Warum nutzen Sie bei Ihrer Arbeit die Sustainable Development Goals SDGs? Und was ist das genau?

Um einen Ist-Zustand zu ermitteln, muss ich mir möglichst viele Facetten von Nachhaltigkeit anschauen. Ohne eine Orientierung laufe ich Gefahr, Aspekte überzubewerten oder schlichtweg zu vergessen. Und da sich die Menschheit schon länger mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigt, können wir hier auf dieses Wissen zurückgreifen und darauf aufbauen. Schon seit vielen Jahren setzen sich die Vereinten Nationen auf globaler Ebene für mehr Nachhaltigkeit ein.

„SDGs sind ein ideales Werkzeug für eine Ist-Aufnahme!“

Es ist bereits viel passiert, Gutes wie weniger Positives. Und bei Zweiterem hat man aus den Fehlern gelernt. Für das Thema Nachhaltige Entwicklung gibt es seit 2015 die 17 Sustainable Development Goals (SDG), die sowohl politisch wie auch wirtschaftlich eine Leitlinie bieten. Diese 17 Ziele geben damit auch Unternehmen gute Anhaltspunkte, in welchen Bereichen nachhaltige Entwicklung möglich ist.

Dabei beleuchten die einzelnen SDGs die Themen Ökologie, Soziales, Ökonomie und die Zusammenarbeit verschiedener Akteure in diesen Bereichen. Ein ideales Werkzeug also für eine Ist-Aufnahme und die Arbeit rund um die nachhaltige Entwicklung!

Magnus Hetz | media4nature
Magnus Hetz berät mit seiner Agentur media4nature Unternehmen zu Nachhaltigkeit.

Lohnt sich nachhaltiges Wirtschaften überhaupt?

Nachhaltiges Handeln kostet immer viel Geld: Das ist ein weit verbreiteter Irrglaube. Vielmehr bietet es große Chancen! Heutige Preise geben oft nicht die tatsächlichen Kosten des Lebenszyklus eines Produktes wieder – auch wenn das viele Menschen glauben. So sind Kosten bei der Entstehung eines Produkts, aber auch für dessen Entsorgung nicht im Produktpreis enthalten.

„Ich bin überzeugt, dass sich nachhaltiges Wirtschaften in Zukunft mehr denn je auszahlen wird.“

Über das „Warum“ könnte man sehr lange reden. Ebenso können sich Preise durch äußere Einflüsse sehr schnell ändern … das spüren wir alle derzeit beim Thema Energie. Und auch hier ist es müßig, über die Gründe der aktuellen Preisentwicklung zu diskutieren. Fakt ist, dass wir nun z. B. sehen: Erneuerbare Energien sind wichtig und bezahlbar! Hier gehen Kosteneinsparung und nachhaltigeres Handeln Hand in Hand. Ich bin überzeugt, dass sich nachhaltiges Wirtschaften in Zukunft mehr denn je auszahlen wird.

Wo steht der Buchhandel beim Thema Nachhaltigkeit? Was ist Ihre Einschätzung nach dem Nachhaltigkeits-Check?

Um es vorweg zu nehmen, der Buchhandel befindet sich wie viele Branchen mitten auf einer spannenden Reise zum Thema Nachhaltigkeit. Es wird schon viel gemacht, trotzdem gibt es noch viel zu tun. Und wie leider häufig im Mittelstand wird zu wenig über das Erreichte geredet, sondern als „selbstverständlich“ wahrgenommen.

Die Pilotgruppe des Libri.Campus live 2022 bestand aus 14 Buchhändler*innen, die natürlich alle durch ihre Unternehmensgröße und ihren Standort andere Schwerpunkte beim Thema Nachhaltigkeit sahen. Durch dieses Setting wurden viele SDGs herausgearbeitet, bei denen es noch viele Handlungsmöglichkeiten gibt. Gewöhnlich führen wir solche Wesentlichkeitsanalysen nur in einem Unternehmen durch. Der große Vorteil für andere Buchhandlungen besteht aus meiner Sicht in der Fülle an Ideen und Maßnahmen, die in der Pilotgruppe erarbeitet wurden. So können sich andere Buchhandlungen Maßnahmen herauspicken und gleich umsetzen.

Warum soll ich mich aber bei der Wesentlichkeitsanalyse immer mit allen SDGs befassen?

Wir sehen in unseren Workshops immer wieder, dass manche SDGs auf den ersten Blick nichts mit dem Unternehmen oder der Branche zu tun haben. Bei genauerer Betrachtung kommen aber dann unerwartete Aspekte an Licht, so auch in unserem Nachhaltigkeits-Workshop im Vorfeld des Libri.Campus live. Gleich bei SDG 1 (keine Armut) kam die Frage auf, was der Buchhandel hiermit zu tun hat bzw. was er hier tun kann? Sehr schnell zeigte sich aber, dass das Thema Minijob und Altersarmut für die Betroffenen zu einer echten Herausforderung werden kann. Es lohnt sich also tatsächlich, wenn ich mich mit allen Aspekten der Nachhaltigkeit und damit mit allen SDGs auseinandersetzte.

Gibt es im Buchhandelt ein SDG, das für die Branche steht? Bei dem die Branche vielleicht auch schon besonders weit ist?

In jeder Branche gibt es SDGs, in denen die vertretenen Unternehmen schon besonders aktiv sind. Im Buchhandel ist das natürlich SDG 4 (hochwertige Bildung). Hier tut der Buchhandel per se schon sehr viel. Aus meiner Sicht ist es wichtig, sich dessen bewusst zu sein und das auch nach außen zu tragen. Denn hochwertige Bildung ist sicherlich neben dem puren Spaß am Lesen das Leitmotiv vieler Buchhändler*innen, sich überhaupt auf das Wagnis einer eigenen Buchhandlung einzulassen. Und der Buchhandel verkauft nicht nur hochwertige Bildung – aus meiner Erfahrung ist diese auch immer vor Ort erlebbar, ob es der Buchtipp ist oder aber die Diskussion mit Kunden*innen im Geschäft oder bei Lesungen.

Nachhaltigkeit in meiner Buchhandlung: Was heißt das? Wo fange ich an?

Wie schon gesagt, als erster Schritt erweist sich eine Ist-Analyse immer als sehr hilfreich. Beschäftigen Sie sich ein bisschen mit den SDGs, im Internet gibt es dazu viel Material z.B. hier oder hier. Beim Libri.Campus live 2022 stellen Buchhändler*innen ihre Tipps und Aktivitäten zu verschiedenen Nachhaltigkeitsaspekten vor, quasi ein „live aus der Praxis“. Finden Sie dann heraus, auf welches SDG Sie Lust haben und arbeiten Sie daran.

„Wichtig dabei ist auch immer das „Warum“!“

Probieren Sie Dinge aus und ganz wichtig, vernetzen Sie sich. Wichtig dabei ist auch immer das „Warum“. Warum machen Sie sich an das Thema Nachhaltigkeit? Welche Ziele haben Sie? Was soll am Ende dabei herauskommen? Was darf nicht passieren? usw. Und wenn Sie etwas angehen, kommunizieren Sie auch immer dazu. Reden Sie darüber. Zeigen Sie es der Welt, Ihren Mitarbeitenden, Ihren Kund*innen, Ihren Geschäftspartner*innen, Ihrem Netzwerk. Was steckt dahinter? Nehmen Sie die SDGs mit in die Kommunikation auf, das gibt Orientierung.

Und welchen Fehler kann man sich aus Ihrer Sicht sparen?

Der größte Fehler beim Thema Nachhaltigkeit gerade für KMUs ist, dass sie sich überfordern. Versuchen Sie, diesen Fehler zu vermeiden und starten Sie mit kleinen Aktionen. Denn auch hier ist manchmal weniger mehr. Je mehr Erfahrungen Sie sammeln, desto spannender wird es. Und desto schneller kommen Sie dann auch voran. Ich wünsche Ihnen auf jeden Fall viel Spaß und Erfolg auf Ihrem Nachhaltigkeitsweg.

Vielen Dank, Herr Hetz für diese spannenden Tipps und Informationen!


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