Nachfolge für Buchhandlung finden

Nachfolge durch Mitunternehmertum

Auf dem Libri.Campus live sprach Gudula Buzmann über Mitunternehmertum. Welche Ansätze gibt es für erfolgreiche Übergaben? Wo ist der Unterschied zu strategischen Partnerschaften?

6. November 2026 Lesedauer 9 min 0

Im Oktober trafen sich Nachfolge-Expertin Gudula Buzmann und Libri-Kundenberaterin Ariane Roth auf der Frankfurter Buchmesse wieder und tauschten sich über Nachfolgemodelle und ihre unterschiedlichen Vor- und Nachteile aus.

Gudula Buzmann: Strategische Partnerschaften und Mitunternehmertum möchte ich begrifflich gerne trennen, obwohl beides in eine Nachfolge münden kann.
Wenn ich als Buchhandlung mit dem benachbarten Ladengeschäft – und vielleicht sogar jenseits der üblichen PBS- oder Spiele-Sortimente – eine strategische Partnerschaft eingehe, können ganz neue Geschäftskonzepte entstehen. Um so etwas aufzubauen und auch auf Zukunftsfähigkeit zu testen, muss man eine größere Zeitspanne einplanen als bei einfachem Mitunternehmertum. Und im Zuge der Nachfolge übernimmt dann die jüngere Inhaberseite irgendwann beide Läden und macht ein Unternehmensdach daraus. 

Ariane Roth: Die eigene Region im Blick zu haben, ist nicht nur aus Wettbewerbssicht spannend. Händler*innen haben oft die gleichen Themen vor der Brust, und dadurch können sich unternehmerische Chancen ergeben. Wir empfehlen immer, sich mit den Buchhandlungen im Umfeld zu vernetzen und offen auszutauschen. Neben Mitunternehmertum kann auch Filialisierung ein Ansatz sein.

Gudula Buzmann: Beim Mitunternehmertum besteht größere zeitliche Flexibilität, weil es schnell oder langsam umgesetzt werden kann. Wer beispielsweise Kontakt zu ehemaligen Teammitgliedern hält, die vielleicht sogar anderweitig in der Wirtschaft Erfahrung gesammelt haben, hat einen potenziellen Nachwuchspool. Wer die eigenen Teammitglieder systematisch fördert und weiterentwickelt, ihnen Weiterbildung ermöglicht und natürlich auch eine Erfolgs- und Fähigkeitenkontrolle durchführt, kann lang-, mittel- oder kurzfristig Nachwuchs heranziehen, wobei man bei unter einem Jahr schon ganz schön Gas geben muss.  

Ariane Roth: Eine Übernahme aus dem Team heraus bietet viele Vorteile, wie wir immer wieder beobachten. Dabei unbedingt über das Kernteam hinausdenken! Auch manche Quereinsteiger*innen haben Interesse, in eine unternehmerische Rolle reinzuwachsen. Mein Lieblingsfall ist eine Kundin, die eigentlich „nur mal bei der Inventur helfen“ wollte und dann einen Teilzeitjob begann. Sie übernahm immer mehr Verantwortung, und inzwischen gehört ihr die Buchhandlung. Mit neuem Raumkonzept, neuem Marketingauftritt und der ehemaligen Chefin als Mitarbeiterin. Eine gelungene Übergabe! 

Gudula Buzmann: Dieser Ansatz hat häufiger Erfolg, als es die Inhaber*innen im Vorfeld meinen. Eine Hürde besteht nämlich darin, dass eine Seite, verkaufende oder potenziell nachfolgende, davon ausgeht, die Buchhandlung müsse wie bisher geführt werden. Die bisherige Chefetage meint, der Nachwuchs könne das nicht, der Nachwuchs meint, so wie die Chefs will ich nicht arbeiten. Und schon ist man aneinander vorbei. Es wäre also viel wichtiger, im Zuge der Nachfolgevorbereitung auszuloten, welche Art von Buchhandel am Standort (auch) erfolgreich sein kann. Wenn ein Konzept dann aber steht und in sich schlüssig ist, findet man auch immer Wege zur Finanzierung. Wenn sich beide Seiten aber nicht finanziell aufeinander zubewegen, verliert der Handel oder es kommt im besten Fall zu einer Neugründung mit überzeugendem Konzept am zuvor geschlossenen Standort, und der „Altbesitzer“ hat das Nachsehen. 

Ariane Roth: Die Finanzierung ist für viele – gerade jüngere Gründer*innen – ein großes Thema. Welche Alternativen sehen Sie, wenn sie nicht ausreicht oder eine Einzelperson nicht bereit ist, die Übernahme allein zu stemmen?  

Gudula Buzmann: Zahlreiche. Das berührt jedoch entweder steuerliche oder rechtliche Fragen oder sogar beide Seiten. Da können wir als Betriebsberater*innen auf jeden Fall begleitend die richtigen Fragen stellen, dürfen aber weder steuerlich noch rechtlich beratend tätig sein. Finanzierungsaspekte betreffen jedoch nicht nur die Kapitalherkunft, sondern auch die Kapitalverwendung. Viele Buchhandlungen kann man mit geringerem Anfangskapital, als es Kaufende oder Gründende meinen, erfolgreich aufstellen. Und für eine erfolgreiche Buchhandlung werden sich auch immer Finanzierungsmittel für die Nachfolge finden. Dafür sollte man aber sein Unternehmen nicht bis auf den letzten Euro steuerlich optimiert oder mit der Einstellung „Och, der Gewinn reicht mir“ geführt haben.  

Gudula Buzmann | LOESUNG

Gudula Buzmann

LOESUNG. Unternehmensberatung und Coaching

Als Begleiterin mit langjähriger Buchhandelsexpertise berät Gudula Buzmann Unternehmen der Kulturbranche dabei, ihre Geschäftsideen in die Umsetzung zu bringen. Sie begleitet Buchhandlungen von der Gründung bis zur Nachfolgeregelung und teilt ihr Wissen immer wieder in Seminaren und Workshops.

Kontakt und weitere Informationen

Ariane Roth: Einige Inhaber*innen können sich auch eine Art Rentenmodell vorstellen, bei dem der Kaufpreis über monatliche Zahlungen bezahlt wird – oder eine Mischung. Inhaber*innen sollten diesen Ansatz vorab für sich prüfen, um so jungen Nachfolger*innen eine Übernahme zu erleichtern.  

Gudula Buzmann: Bei solchen Modellen empfehle ich, unbedingt und frühzeitig eine Steuerberatung hinzuziehen. Auch eine rechtliche Prüfung ist notwendig, und der Vertrag sollte von einem Rechtsanwalt aufgesetzt sein.  

Ariane Roth: Manchmal ergeben sich auch aus bestehenden Kooperationen mit Vereinen Übergabeoptionen oder es wird überlegt, einen Verein zu gründen. Auch hier ist besondere Vorsicht geboten, denn aufgrund des Vereinsrechts sind besondere Hürden zu nehmen. Eine gute juristische Beratung ist extrem wichtig. 

Gudula Buzmann: Das Gleiche gilt für Genossenschaften. Das Genossenschaftsrecht gibt Regularien wie Satzung und Gremien vor, die zu berücksichtigen sind. Die Idee, über Mitglieder eine Buchhandlung auf breitere Füße zu stellen, ist großartig, und im Börsenblatt lesen wir immer häufiger von diesem Modell. Es ist allerdings keine gute Idee, eine unrentable Buchhandlung fortführen zu wollen, so groß der Wunsch vor Ort sein mag, sie zu erhalten. Mit neuem Konzept, engagiertem Vorstand und der Kraft vieler kann es jedoch ein erfolgreicher Ansatz sein.  

Unsere Online-Seminare richten sich an alle, die eine eigene Buchhandlung gründen oder eine bestehende übernehmen möchten: praxisnahes Fach- und Branchenwissen gepaart mit Entscheidungs- und Umsetzungshilfen.

Ariane Roth: In unseren Onlineseminaren haben wir viele Quereinsteiger*innen – oft verbunden mit dem Wunsch nach beruflicher Neuorientierung. Und die Info, dass die örtliche Buchhandlung eine Nachfolge sucht, löst dann ein Gefühl von „Au ja – DAS will ich machen!” aus.

Gudula Buzmann: Der erste Impuls klingt schon gut, aber für die wirtschaftliche Tragfähigkeit muss die Begeisterung mehr als drei Jahre halten. Man darf als Neu-Inhaber*in auch nicht alles Feuerwerk im ersten Geschäftsjahr abbrennen. Dann erwarten die Kund*innen im Folgejahr eine Steigerung. Also kommt man an Begeisterung plus Zahlen/Businessplan nicht herum. Für problematisch halte ich daher eine Herangehensweise, die davon ausgeht, Begeisterung reiche als Grundlage für Unternehmertum.

Ariane Roth: Wir haben tatsächlich schon ein paarmal erlebt, dass Begeisterung der entscheidende Impuls für eine Nachfolgelösung war. Natürlich ist jede Buchhandlung ein Unternehmen, und jede*r Unternehmer*in möchte davon leben. Doch ohne Begeisterung für Bücher und Menschen wird es schwer. Und manchmal sorgt sie auch für unerwartete Chancen – das ist toll! 

Gudula Buzmann: Eine Klientin meinte einmal ganz humorvoll, jetzt hülfe nur noch der Ritter auf dem weißen Pferd – und er kam. Ich bin der Ansicht, dass die Kund*innen einer Buchhandlung sowieso eine ungefähre Vorstellung von der Alterszugehörigkeit der jeweiligen Inhabenden haben. Vielleicht manchmal nur unbewusst, doch die Überraschung, wenn jemand eine altersbedingte Nachfolge sucht, hält sich de facto in Grenzen. Also gerne auf die Homepage stellen, auf Social Media posten oder, wer es nicht ganz so bundesweit machen möchte, in den WhatsApp-Status aufnehmen und im Laden aushängen. Man sollte das Netzwerk von Vertreter*innen, Außendienstmenschen und, wie schon gesagt, Ehemaligen nicht unterschätzen. 

Ariane Roth: Wir empfehlen dringend, frühzeitig und offen zu kommunizieren. Meine Kolleg*innen und ich nehmen immer wieder die Angst wahr, Kund*innen zu verlieren. Meist zeigt sich das Gegenteil: Es gibt großes Interesse, die lokale Buchhandlung am Ort halten zu wollen, bis zur Bereitschaft, selbst einzusteigen. Wir haben schon erlebt, dass erst mit dem Räumungsverkauf potenzielle Nachfolger*innen auf die Buchhandlung aufmerksam wurden. 

Ariane Roth | Beraterin stationärer Buchhandel bei Libri
Kundenberaterin | Buchhandelsfachwirtin

Ariane Roth

Sie war knapp 20 Jahre in verschiedenen Positionen in Buchhandlungen unterschiedlicher Größe tätig, bevor sie 2022 bei Libri anfing. Als Kundenberaterin begleitet sie heute inhabergeführte Buchhandlungen von der Gründung bis in den buchhändlerischen Alltag. Im Austausch mit ihren Kolleg*innen stellt sie gern Kontakte zwischen Übernahme- und Übergabewilligen her.


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