Als eine von 14 Libri-Kundenberater*innen ist Christina Fastert-Jandt in Hamburg, Bremen und Niedersachsen unterwegs, um Gründungsprozesse von Anfang an zu betreuen – mit viel Engagement und gesundem Realismus. Im Interview verrät sie uns mehr über den Reiz und die Herausforderungen des Neustarts.
Deine Unterstützung war schon für viele eine wertvolle Starthilfe. Auf welchen Wegen finden „deine“ Gründer*innen zu dir?
Das kommt ganz darauf an. Ich habe ja schon lange Kontakte zu den unterschiedlichsten Buchhandlungen, da bekommt man einfach viel mit – auch, wenn sich die Situation einer Übernahme oder Gründung anbahnt. Häufig geben sogar Kolleg*innen meine Nummer weiter, wenn sie merken, dass da Bedarf ist. Und dann gibt es natürlich unsere Gründer-Workshops, über die sich Kontakte ergeben.
Mit welchen Fragen kommt man auf dich zu?
Die ersten Fragen lauten oft: Wie organisiere ich meine Buchhandlung? Welche Systeme gibt es? Was muss ich beachten, um sichtbar zu sein und Kund*innen auf verschiedenen Kanälen zu erreichen?
Da kommen unsere Systeme ins Spiel, zum Beispiel unser Warenwirtschaftssystem, und die unterschiedlichen Bezugswege. Die großen systemischen Themen sind meist: Warenwirtschaft, Bestellprozesse, die Pflege der eigenen Medienlandschaft – und wie man alles miteinander verzahnt.
Zum Beispiel bei der Buchhandlung „Seitenweise“ …
Genau. Als Morgan Boharski die Buchhandlung übernommen hat, haben wir uns zunächst daran gemacht, das alte System abzulösen: Es sollte endlich alles zentral gesteuert werden können und zeitsparend zu handhaben sein, vom Vormerken der Neuerscheinungen bis zur schnellen Warenlieferung. Das war ein klarer Schwerpunkt bei unseren Gesprächen. Gerade für Buchhändler*innen, die am Anfang allein arbeiten, ist die Organisation über so ein verzahntes Bestellsystem superwichtig! Morgan hat sich dann für das Einkaufssystem anabel der eBuch entschieden – mit dieser Genossenschaft arbeiten wir seit über 20 Jahren zusammen. Dieses Modell lohnt sich, wenn mindestens 80 Prozent des Buchbedarfs darüber bezogen werden.
… und bei der Gründung von „Sense of Wonder“.
Auch die sind zu anabel gekommen, ihr Konzept ist aber ein ganz anderes. Interessant ist, dass beide Läden unseren White Label Online-Shop nutzen – also wirklich die gleiche Technologie, aber komplett unterschiedlich aufgesetzt. Unsere Online-Redaktion liefert dafür den Content, aber ob und wie man den Shop zusätzlich individualisiert, das entscheidet jeder selbst. „Sense of Wonder“ hat da durch seine ausgeprägte Spezialisierung sehr viel Eigenes mit eingebracht! Also letztlich haben beide in der Kombination aus Shop und stationärem Buchhandel ihre ganz individuelle Linie gefunden.
Nochmal zu den Bezugswegen: Bestellen die Buchhandlungen dann alles über anabel? Was ist mit den Verlagen?
Das ist das Praktische, dass wir die Logistik komplett übernehmen: Selbst wenn Buchhandlungen den größten Teil ihres Bedarfs bei anabel bestellen, gibt es ja immer noch eine kleine Anzahl von Verlagspaketen zu transportieren. Und da wir von Libri sowieso von Bad Hersfeld zu den Verlagsstandorten fahren und dort unsere Ware abholen, machen wir das eben gleich mit.
Was sind das für Menschen, die heute eine Buchhandlung gründen oder übernehmen?
Tatsächlich sind die meisten von ihnen Quereinsteiger*innen. Viele träumen schon länger vom eigenen Buchladen und verstehen die Buchhandlung auch als sozialen Treffpunkt, als Gegenpol zur digitalen Welt. Da spielen der Community-Gedanke, kulturelle Veranstaltungen und Austausch eine große Rolle.
Unterschätzt man als Quereinsteiger*in die wirtschaftliche Realität?
Nicht immer, aber manchmal. Deshalb sprechen wir rechtzeitig auch über Themen, die vielleicht keinen Spaß machen, aber vieles entscheiden: ein realistisches Budget, ein klares Konzept für Sortiment und Buchhandlung und auch die eigene Absicherung. Solche Gedanken sind ja wichtig.
Wo liegen die größten Herausforderungen beim Start?
Die Systeme! In die muss man sich einfach intensiv einarbeiten, deshalb ist meine Hilfe da oft besonders gefragt. Viele unterschätzen die Komplexität von Warenwirtschaft, Kassensystem und Auswertungen. Aber auch in den Einkauf muss man sich reindenken: Was wird gekauft und wieviel? Da geht es um eine saubere Kalkulation – gute Rabatte nützen nichts, wenn Nebenkosten oder Fehlentscheidungen die Marge aufzehren.
Was sind Erfolgsfaktoren, die man nicht unterschätzen sollte?
Zwei Dinge – die Auswahl und die Stimmung. Zum einen zieht man mit einem klug kuratierten Sortiment und einer klaren Positionierung die richtigen Leute an. Andererseits muss auch die Atmosphäre vor Ort stimmen: Kund*innen spüren das sofort! Persönlichkeit, Raumgestaltung und Haltung machen den Unterschied. Bei „Seitenweise“ und „Sense of Wonder“ ist das absolut gelungen.
Und nach der Eröffnung?
… ist meine Begleitung noch lange nicht zu Ende. Wir bei Libri sind Ansprechpartner für ganz unterschiedliche Themen, vom System-Support bis zu Sortimentsfragen. Und wir unterstützen natürlich sehr gern den Austausch unter Kolleg*innen, auch überregional! Es ist immer großartig zu sehen, wie beim Libri.Campus live das Netzwerk wächst und jedes Jahr neue Ideen und Kooperationen entstehen.
Zu den Buchhandlungen
Ein Ort des Austauschs für alle Generationen
Im Januar 2026 übernahm Dr. Morgan Boharski „Seitenweise“ im Hamburger Stadtteil Hamm. Das breitgefächerte Sortiment für Kinder, Jugendliche und Erwachsene kombiniert sie mit Ideen, die inspirieren und zum Austausch anregen, z. B. einer In-Shop Pop-Up Galerie, die den Raum regelmäßig um neue, spannende Perspektiven erweitert.
Ein Hotspot für Fantasy und Science Fiction
Im September 2025 eröffnete Gründerin Christiane Unterberg mit „Sense of Wonder“ einen neuen Treffpunkt für Fans von Sci-Fi, Fantasy und artverwandten Formaten. Neben Büchern und Comics gibt es in der Grindelallee 73 Merchandise-Artikel, eine Auswahl aktueller Brett- und Rollenspiele und sogar eine antiquarische Abteilung.