Mehrweg ergibt Sinn – das zeigt der Börsenverein mit einer Studie zum Einsatz von Kunststoff-Mehrwegwannen im Buchversand. Wir sprachen mit Libri-Nachhaltigkeitsmanager Philip Aanderud.
Jetzt haben wir es Schwarz auf Weiß: Die Kunststoff-Mehrwegwanne schneidet in allen untersuchten Szenarien insgesamt besser ab als Einwegkartonage. Freust du dich darüber?
Auf jeden Fall! Die Diskussion dazu ist zwar nicht neu, aber bisher beruhte sie eher auf einem Bauchgefühl. Den Prozess dieser Studie begleiten und vorantreiben zu dürfen, das war für mich sehr erfüllend! Und natürlich hatten wir auch ein gutes Timing: Ab dem 12. August 2026 werden Änderungen im Verpackungsrecht greifen, um Abfall zu vermeiden und den Recycling-Anteil zu stärken.
Kannst du uns die wichtigsten Ergebnisse zusammenfassen?
Die Kernaussage ist eindeutig: Im Vergleich hat die Kunststoff-Mehrwegwanne die Nase vorn! Sie schneidet nicht nur unter Umweltgesichtspunkten besser ab, sondern auch bei den Kosten, die sie in ihrem Lebenszyklus verursacht. Eine vollständige Umstellung auf Mehrweg würde laut Studie deutliche Einsparpotenziale eröffnen – die Rede ist von bis zu 6% an Ressourcen und Emissionen entlang der Wertschöpfungskette.
Wenn man sich die Dimensionen der Branche vor Augen führt, ist das beachtlich.
In der Tat. Man kann sich gut ausrechnen, was die Umstellung auf Wannen für die eigenen Jahresabsätze bedeuten würde: 6% Einsparung pro Buch bei einem CO2-Fußabdruck von 1 kg laut Studie – das ist nicht wenig. Ein anderes wichtiges Ergebnis belegt, dass selbst wenig ausgelastete Wannen ökologisch günstiger sind als Einwegkartonagen. Da könnte man also überlegen, künftig auch Kleinstsendungen in Mehrwegbehältern zu befördern.
Wie ist die Situation in der Branche? Wer nutzt Wannen, wer nicht?
Verlage setzen bisher noch weitestgehend auf Einwegkartonagen, Barsortimente wie Libri arbeiten meistens mit Mehrwegwannen. Für einige Verlagsauslieferungen haben wir aber schon Wannen etablieren können, z. B. bei der VVA, bei Prolit und Lila Logistik. Das zeigt uns, dass so eine Umstellung auf Wannen möglich und praktikabel ist!
Zudem gibt es noch viel Mehrweg-Potenzial bei den sogenannten Verlegerbeischlüssen, d. h. wenn Verlage ihre Ware an die Bücherwannendienste der Barsortimente übergeben. Das passiert in aller Regel in Einwegkartons. Die werden dann in die Wannen gelegt und so wie sie sind an den Buchhandel weitertransportiert.
Was empfiehlt die Studie denen, die nicht mit Wannen arbeiten?
Im Kern geht es erstmal darum, Karton zu reduzieren. Das bedeutet, Leerraum zu vermeiden, effizienter zu packen und kleinere Kartons für kleinere Sendungen zu verwenden. Außerdem lässt sich der Anteil von Recyclingmaterial bei der Herstellung der Einwegkartons erhöhen, auch eine Wiederverwendung ist sinnvoll. Zumindest, wenn die Kartons nicht schon zu stark beansprucht wurden und die Bücher unbeschädigt bleiben.
Wo wird das Buch tendenziell mehr beschädigt, in der Wanne oder im Karton?
Verlässliche Daten für die gesamte Branche gibt es nicht. Aus der Praxis hören wir aber immer wieder, dass die Wanne als besonders robust wahrgenommen wird. Generell legen Kund*innen in Deutschland ja großen Wert auf die Qualität von Büchern, deshalb reagieren alle Beteiligten recht sensibel auf mögliche Beschädigungen.
Was macht die Wanne als Verpackung attraktiv?
Sie ist sehr robust. Und sie wird nicht nur verplombt, sondern hat auch Sicherheitsbügel, eine rutschfeste Einlage und Trennelemente, mit denen sie unterteilt werden kann. Das macht viel aus. Wenn wir Buchhändler*innen fragen, was sie an der Mehrwegwanne schätzen, erzählen sie übrigens meistens, was sie sich damit ersparen – das umständliche Auspacken und die Entsorgung großer Mengen Verpackungsmaterial.
Ist es sinnvoll, schrittweise auf Mehrwegwannen umzustellen?
Natürlich, auch Mischsysteme sind eine praktikable Brücke für den Übergang. Wenn dann eine kritische Masse überschritten ist, werden auch die Vorteile der Wannen-Lösung noch greifbarer. Ich denke, kreislauforientierte Lösungen werden in der Buchlogistik weiter an Bedeutung gewinnen – aus Kostengründen, mit Blick auf Versorgungssicherheit und auch wegen der steigenden Anforderungen an Abfallvermeidung und Recycling.
Ist das kreislauffähige System denn schon zu Ende gedacht?
Bestimmt nicht, da brauchen wir noch weitere Ideen. Wie verpacken wir z. B. kreislauffähig Bücher im Endkundenversand? Und wie im Import- und Exportgeschäft? Und wie lassen sich große Erstauflagen kreislauffähig verpackt transportieren? Bei diesen Themen ist noch viel Luft nach oben.
Auch bei den diesjährigen Fokustagen gehörten die Prozesse der Kreislaufwirtschaft ja zu den Schwerpunkten. Dazu passt das Mehrwegsystem mit den Wannen natürlich gut!
Über welche Hebel kann die Buchbranche außerdem ihren CO2-Ausstoß bzw. den Energie- und Materialverbrauch reduzieren?
Der größte Hebel ist die energieintensive Herstellung von Zellstoff und Papier. Es ist schon viel damit gewonnen, wenn wir in den Lieferketten unserer Branche noch stärker auf erneuerbare Energien setzen! Und dann geht es auch darum, woher der Zellstoff überhaupt stammt. Einige Verlage recherchieren diese Daten bereits intensiv und arbeiten mit ihren Lieferanten kontinuierlich an Verbesserungen.
Auf solche Faktoren hat Libri als Großhändler aber höchstens indirekten Einfluss.
Das ist richtig. Wir können die Verlage allerdings nach entsprechenden Informationen fragen. Besonders erfolgversprechend wäre es, wenn wir als Branche gemeinsam auf die Papierindustrie zugehen, um die Papierherstellung Schritt für Schritt weniger CO2-intensiv zu machen. Bei der Mehrwegwanne hat ein gemeinsames Vorgehen schon funktioniert. Libri versteht sich dabei als Partner und engagiert sich zum Beispiel mit Print-on-Demand für einen zukunftssicheren Buchhandel.
Zukunftssicherheit – bei Libri Print-on-Demand bedeutet das im Zusammenhang mit Nachhaltigkeit unter anderem, Überproduktion und Retouren zu reduzieren. Wie ist hier der Stand?
Im Print-on-Demand-Geschäft arbeiten wir laufend an Optimierungen. Zum Beispiel, indem wir Papierflächen so effizient wie möglich nutzen! Stell dir vor, du stichst Plätzchen aus und versuchst, möglichst wenig Teig übrigzulassen – so ähnlich ist das mit dem Beschnitt. Gleichzeitig sind wir gerade dabei, die Herkunft unseres Papiers und dessen ökologischen Fußabdruck zu erfassen. Auf dieser Basis können wir dann Verbesserungspotenziale identifizieren und umsetzen.
Auch den Transport kann Libri direkt beeinflussen.
Und das tun wir auch: Unser Bücherwagendienst transportiert ja riesige Mengen an Büchern. Deshalb haben wir uns genau angeschaut, wie weit die Technologie inzwischen ist, und uns entschieden, die LKW schrittweise zu elektrifizieren. Den Anfang machen die Verbindungen von Bad Hersfeld zu den Umschlagplätzen in Dortmund, Hannover, Bremen und München. Weitere Strecken prüfen wir aktuell für einen Umstieg auf E-LKWs in den kommenden Monaten.
Sind also Transport und Papierherstellung die zentralen Themen, wenn es um Nachhaltigkeit in der Branche geht?
Das CO2 in der Herstellung der eingekauften Handelsware ist mit weitem Abstand der größte Posten, ja. Und dann folgt der Transport. Wir müssen aber auch in anderen Bereichen die Augen offenhalten und uns weiterbewegen: Viele Menschen zeigen heute schon eine hohe Bereitschaft zur Wiederverwendung, da kann man so viel draus machen!
Lass uns zum Schluss noch einmal zur Wanne zurückkehren. Was sollten wir unbedingt noch über sie wissen?
Zum Beispiel, dass unsere Wanne Tradition hat: Wir verwenden sie bei Libri schon seit 1986 – zuerst in Vollpappe, seit 1993 aus Kunststoff. Vom Prinzip her erinnert sie an die Behälter der Handgepäckkontrolle am Flughafen: Sie wird nach oben hin etwas breiter, um sich besser greifen, stapeln und befüllen zu lassen. Die aktuelle Generation wurde 2002 entwickelt, immer wieder nachbestellt – und lebt bis heute!
Die Mehrwegwanne in Zahlen
Eine Wanne befördert im Laufe ihres Lebens rund 3.300 Bücher im Basismodell der Studie. Selbst bei einer Befüllung mit nur 900 Büchern können gegenüber Einwegkartons bis zu 95 Prozent der Umweltbelastungen bei der Herstellung eingespart werden.
Zur Studie
Die Studie der Universität Kassel wurde in Auftrag gegeben von der IG Nachhaltigkeit des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Verantwortlich für das Forschungsprojekt war das Fachgebiet Sustainable Technology Design unter der Leitung von Dr. Anna Schomberg und Daniel Huch (M.Sc.).