Poetry Slam: Das Sprungbrett

„Die Schönheit der Sprache hat einen reservierten Platz in uns.“

Der Poetry Slammer Lars Ruppel brachte die beiden Tage Libri.Campus live auf den Punkt, mit dem eigens für Buchhändler geschriebenen Gedicht DAS SPRUNGBRETT – eine Sommergeschichte über Mut und Leidenschaft.

Das Sprungbrett

Wie kleine Teufel sprangen die Kinder herum
Wieso sind die Jungs in meinem Alter so dumm
Wie sie über dämliche Jungs-Witze glucksten
Die kleineren Kinder vom Beckenrand schubsten

Gefangen zwischen Wachstum und Muskelvergleichen
Die Möchtegernmänner mit Seepferdchenabzeichen
Das war nicht ihr Spiel, sie saß lieber für sich
Schüchtern, verlegen und unauffällig

Auf einem Handtuch im sommerwarmen Gras
Abseits des Trubels des Freibads und las
Vielleicht noch ein Bummbumm am Kiosk nachher
Ansonsten nur Sonne, Astrid Lindgren, nicht mehr

Die vierte Klasse war alles andere als leicht
Wenn man sie mit den bisherigen Klassen vergleicht
Und wenn zu dem Stress noch die Mitschüler durchdreh’n
Dann hat man mit neun schon ’nen Burn Out zu fürchten

Sie war müde, gestresst, und übel gelaunt
Sie schloss ihre Augen und lauschte dem Sound
Wie das städtische Freibad im Sommer erbebt
Wenn die Jugend den Sommer des Lebens erlebt

Als sie schließlich aufstand um zum Kiosk zugehen
Sah sie ihn, auf dem Gipfel des Sprungturmes steh’n
Er stand offensichtlich schon länger so da
Ein Junge, der anders, als die anderen war

Er war vollkommen überfordert von der Situation
Hinter ihm nörgelten Wartende schon
Schaulustige wetteten ob er springt oder nicht
Eiskalter Schweiss rann ihm über’s Gesicht

Der Bademeister, pfiff mit der Pfeife und drohte
Vom Sprungbeckenrand schon mit Sprungturmverboten
Und sie sah, wie sie gafften, zum Fuße des Turms
Wie hungrige Küken beim Anblick des Wurms

Das Rudel das lüstern das Opfer umkreist
Ein Anblick der wiedermal deutlich beweist
Homo homini Lupus, aber das galt nicht für sie
Sie war für Rücksicht und Empathie

Darum ging sie zum Sprungturm um ihn unter die Arme zu greifen
Um gemeinsam zu springen oder gemeinsam zu kneifen
Sie drängelte sich an den Wartenden vorbei
Stieg die Sprungturmtruppen hinauf und dabei

Vergaß sie ihre eigene Angst vor dem Springen
Vergaß ihre Höhenangst beim Sprungturmerklimmen
Schöpfte Mut, aus jeder weiteren Stufe
Vergas alle „Schafft er doch eh nicht“ Rufe

Sie glaubte an ihn und an ihre Vision
Ihm zu helfen war ihr Motivation
Ihm vom Überwinden seiner Angst zu begeistern
Mit ihm gemeinsam die Hürden zu meistern

Grad weil alle Zeichen gegen sie standen
Denn immer dann wenn die Wellen am heftigsten branden
Gilt es die eigene Stärke zu zeigen
Und sie hatte das Ziel auf den Sprungturm zu steigen

Und als sie auf dem Gipfel des Sprungturmes stand
Nahm sie den Jungen bei seiner zittrigen Hand
Setzt sich mit ihm auf das Sprungbrett und las
So, dass sie den Freibadtrubel vergaß

Und sich mit ihm ganz in den Zeilen verlor
Aus Astrid Lindgrens „Pippi Langstrumpf“ vor
Von Mut und Leidenschaft anders zu denken
Mutig auf eigene Wege zu lenken

Andere Menschen zu inspirieren
Das Unmögliche zu finden und zu probieren
Leidenschaft immer neu zu entfachen
Einfach zu leben, einfach zu machen

Was mit den beiden auf dem Sprungturm passierte
Weiß niemand, weil der Autor sich nichts mehr notierte
Sondern am Kiosk BummBumm essen war
Als er wiederkam waren beide schon lang nicht mehr da

Ob sie sprangen, das kann sich jeder selber ausdenken
Mut ist auch auf einem falschen Weg umzulenken
Doch die Bewegung an sich ist die Grundlage für Mut
Dass man nicht nur zusieht, sondern was tut

Vielleicht machten sie später eine Buchhandlung auf
Und ich weiß welches Buch sich dort am besten verkauft