Der vorliegende Roman spielt in der wunderschönen Landschaft des Oberengadins. Gewinnorientierte Investoren wollen aus dem kleinen Flughafen Samedan eine lokale Drehscheibe für den Flugverkehr machen. Einheimische, Gewerbe und Behörden sind hin und hergerissen. Kann das Engadin profitieren? Wie verhält es sich mit dem Fluglärm und was gibt es für das lokale Gewerbe zu verdienen? Fragen bleiben, Ängste kommen und gehen. Eine kleine Gruppe unter der Leitung eines Biobauern aus dem Fextal wagt den Blick hinter die Kulissen und bringt dabei Unglaubliches an das Tageslicht. Die Geschichte ist Fiktion, zeigt aber deutlich auf, in welchem Spannungsfeld sich die Einheimischen des wunderschönen Hochtales bewegen. Es gibt viel zu verdienen im Engadin und nicht selten wird mit harten Bandagen um die Pfründe gekämpft. Kleine Intrigen und Grabenkämpfe spielen in der Geschichte genau so eine Rolle, wie die Beschreibung der wunderschönen Landschaft und der besonderen Lebensumstände im Tal.
Tilly, Peter
Suvretta Connection
Der letzte Marschbefehl ist wohl für jeden Schweizer ein Geschenk des Himmels. Zwanzig Jahre nachdem sich die jungen Engadiner zur medizinischen und sportlichen Aushebung gestellt haben, können sie jetzt als gestandene Männer all die stinkenden und verschwitzten Militärsachen zurückgeben. Das ist mehr als eine Erlösung, es ist wie eine Befreiung! Was all die Ostdeutschen beim Fall der Mauer verspürten, erleben in der Schweiz jedes Jahr Tausende von Wehrpflichtigen in kleinem Rahmen. Peter, Rolf und Gian sehnten sich schon lange nach diesen Termin. Bereits am Vorabend wurde im Strand Club in Sils kräftig gebechert, man erzählte sich Geschichten aus der Militärzeit und aus ursprünglich kurzen Leistungsmärschen wurden mit fortgeschrittener Zeit 100 Kilometer Ausdauerläufe. Hätte ein Auswärtiger den Dreien zugehört, er wäre davon überzeugt gewesen, dass die Schweizer Armee ausschliesslich aus trinkfesten Helden besteht. Gian holte all seine leicht verkaterten Kollegen am Morgen mit Vaters Auto ab und gemeinsam versuchte die Kampftruppe den zwanzig Jahre gehüteten Armeegrümpel im Auto zu verstauen. Von Weitem sah es aus, als ob sie sich für einen Maskenball trafen. Der Marschbefehl erhielt den unmissverständlichen Tenuebefehl «Dienstanzug», doch die drei Engadiner schienen eine völlig unterschiedliche Auffassung dieses besagten Dienstanzuges zu haben. Gian, der noch im letzten Jahr einen Wiederholungskurs absolvierte und dabei Botschaften und Konsulate in Genf bewachte, kam tadellos und wie im Dienstreglement vorgesehen daher. Peter brachte da schon etwas mehr Kreativität ins Spiel. Er trug ein völlig verwaschenes, dunkelgrünes Hemd mit einer schwarzen, viel zu kurzen Krawatte. Die Hosen, ein Kenner erkannte diese gleich als «Ausgangshosen 45», waren trotz seiner sportlicher Figur viel zu eng und zu kurz, spannten sich um die Hüften und wurden von einem grauen Gummiband zusammengehalten. Der offene Knopf im Hosenbund wurde vom Träger geschickt mit dem besagten Gurt verdeckt. Die Jacke vervollständigte das Bild eines Lumpensoldaten perfekt. Ein aus dickem, grünen Filzstoff gefertigter Waffenrock, mit Abzeichen die Peter als Gebirgsgrenadier auswiesen, schmiegte sich um den muskulösen Oberkörper. Alles schien zu kurz. Der Anblick von Elitesoldat Aeschlimann trieb Gian und Rolf vor Lachen Tränen in die Augen. Rolf, der sich als Wettersoldat schon immer wenig um militärische Umgangsformen scherte, entschied sich heute für T-Shirt mit Kämpferhosen. Passt ganz gut, ist bequem und wenn man den Modegeschmack der jungen Generation zurate zieht, auch ziemlich «in». Die bald Ausgemusterten setzten sich in den Kleinbus und fuhren gut gelaunt in die Kaserne nach S-chanf. Obwohl viel zu früh, waren die besten Parkplätze bereits besetzt. Ein etwa 100 Meter langer Marsch stand ihnen vom noch freien Parkfeld bis zum Sammelplatz bevor. Eine Kleinigkeit im Vergleich zu den Distanzen in den Räubergeschichten von gestern Abend, dennoch eine nicht zu unterschätzende Wegstrecke mit all dem militärischen Material, welches hinten im Auto auf die endgültige Entsorgung wartete. Gian steuerte direkt auf den Sammelplatz zu, entlud zusammen mit den Kollegen Berge von Militärmaterial und wurde kurz vor der Wegfahrt von einem Hauptmann nach allen Regeln der Kunst zurechtgewiesen. «Was fällt ihnen eigentlich ein, mitten auf dem Platz anzuhalten und den militärischen Betrieb zu stören?», schrie dieser Gian ins Ohr und der Banker antwortete mit gleichem Stimmvolumen und unter Gelächter der wartenden Menge: «läck mer am Arsch!» Der Tag war lanciert und die abtretenden Soldaten genossen zum letzten Mal den militärischen Betrieb, um diesen mit Ignoranz und Ungehorsam auf die Probe zu stellen. Beim Mittagessen floss reichlich Alkoholisches, alte Freunde sahen sich seit Jahren zum ersten Mal wieder und gemeinsam wartete die Gruppe auf den Regierungsrat des Kanton Graubünden. Der Helikopter mit dem Exekutivmitglied schwebte ein, zum letzten Mal wurde eine einigermassen korrekte Formation eingenommen und die Wehrleute stellten sich der Rede des Politikers und Obersten des Generalstabes. «Geschätzte Wehrmänner, heute ist ihr... BlaBlaBla», der Oberst beschränkte sich nicht auf eine kurze Rede und Gian litt unter der Wirkung des Marihuana. «BlaBlaBla... Armee 21, meine Herren, ein grosses Projekt! Leider ist es ihnen verwehrt, bei der Umstrukturierung der Armee dabei zu sein. ..BlaBlaBla.», der Redner machte keinen Anschein, den Monolog nächstens zu beenden, die Sonne brannte auf die angetrunkenen Wehrmänner und Gian musste von Rolf und Peter gestützt werden. «BlaBlaBla ... Auch das Engadin muss viele Opfer bringen! Neben ihnen, meine geschätzten Wehrmänner, wird auch ein grosser Teil der Infrastruktur ausgemustert. So konnte die Immobiliengruppe des VBS letzte Woche den militärischen Flugplatz, - ein Rückgrad früherer Armeekonzepte -, einer privaten Investorengruppe zum symbolischen Preis von einem Franken verkaufen». Gian war auf einen Schlag hellwach und schaute seinen Kollegen in die Augen. «Habe ich da richtig gehört?», fragte Gian zur Sicherheit nach. Ein Nicken der Kollegen bestätigte dies und Gian griff zu seinem Handy. «Hallo Seraina», begann er ein SMS, «DRINGEND! Bitte kläre beim Militärdepartement in Bern ab, wer hinter dem Kauf des Militärflugplatzes steht. Wenn dir die Beamten keine Auskunft geben wollen, mache etwas Druck - Danke!» Als Gian die Kurznachricht durch die Swisscomnetze jagte, beendete der prominente Redner seine Laudatio auf die alte Armee und verabschiedete die Wehrmänner in die militärische Pension. Der Kreis Oberengadin offerierte Trockenfleisch und Roggenbrot, vom Kanton kam der Rebensaft aus der Herrschaft und in einem Teller türmten sich zum letzten Mal Militärbisquits, die auf einen Liebhaber warteten. Mitten im Gespräch mit einem alten Hockeykollegen meldete sich Seraina per SMS. «Die Firma AIR CORVATSCH hat das Gelände gekauft. Habe die Liste der Verwaltungsräte aus dem Handelsregister - ist wie ein «who is who» der Schweizer Wirtschaft! Brauchst du die Namen jetzt?» Gian nahm sein Telefon, stellte Serainas Direktnummer ein und hörte sich die Namen der Verwaltungsräte genau an. Er brachte nur ein «Hoppla» über die Lippen.
Als 1966 Geborener muss ich mich gemäss landläufiger Meinung langsam aber sicher auf die bevorstehende Midlifecrisis vorbereiten. Ich spüre weder ein Zucken in den Zehen noch ein Verlangen nach exotischen Abenteuern aller Art, dennoch erwachte in mir das Gefühl, der Welt etwas mitteilen zu müssen. Daraus entstand diese Wirtschaftskomödie. Wann immer möglich, reise ich in das im Roman beschriebene Hochtal und verbringe sportliche und besinnliche Stunden am Ufer der Seen oder in den Serpentinen der Berge. Nietzsche war da, Hesse war da und Tilly ist ab und zu auch da. Uns Drei verbindet weniger das Talent für Dichtung, sondern die Begeisterung für die unglaubliche Landschaft an diesem wunderschönen Flecken in den Bergen.