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1993 - gebunden - 686 Seiten
Oblomowschtschina, Oblomowerei: vom Namen des seltsamen Helden abgeleitet, bezeichnet der Begriff schon lange vielerlei, von dem sich schwerlich sagen ließe, daß es nur lauter Untugenden sind. Was man heute tun kann, lieber auf morgen verschieben; nicht eingreifen, sondern einfach zuschauen, wie die Dinge ihren Lauf nehmen; also einerseits Trägheit, Schwäche und Schlamperei. Aber andererseits doch auch Vertrauen, Duldung, Ergebenheit: Worin besteht denn, fragt der verarmte russische Gutsherrensohn seinen Freund und Gegenspieler, das Ideal des Lebens, und strebt ihr nicht alle mit eurer ganzen Geschäftigkeit, euren Leidenschaften, euren Kriegen und eurer Politik doch nach dem, wovon ich träume - ist euer Ziel nicht auch das Erreichen der Ruhe, das Streben nach diesem verlorenen Paradies? Iwan Gontscharow (1812-1891) gehört deshalb zu den großen epischen Schöpfern, weil er sich über seine Gestalten des Besserwissens, also des Urteils enthält. Sie sind, wie sie sind. Wie er sie in kleinen präzisen Einzelzügen beobachtet hat und nun in sich gerundet vor sich sieht: recht hat der tätige Freund und edelgesinnte Rivale Stolz, recht hat Olga, deren Liebe Oblomow schließlich doch nicht zu retten vermag; und recht hat auf seine Weise auch er, eine von Grund auf apathische Natur, die sich der Schwerkraft des Daseins fügt. Die Untüchtigkeit, die er verkörpert (meint Fritz Ernst in seinem Essay), ist unter Umständen etwas Zartes, Vornehmes, unter Umständen etwas für Millionen Menschen Unerreichbares - eine Wahrheit auch sie, ein Stück Leben. In schlicht kreatürlicher Fülle steht Oblomow für immer an seinem Platz unter den großen Gestalten der Weltliteratur.
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