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Februar 2004 - kartoniert - III381
Das Buch Die Unfähigkeit zu trauern mit dem Untertitel Grundlagen kollektiven Verhaltens, das Alexander Mitscherlich gemeinsam mit seiner Frau Margarete Mitscherlich verfasste, bringt eine weit verbreitete Stimmung in der Bundesrepublik Deutschland der 1960er Jahre auf den sozialpsychologischen Begriff. Es beschäftigt sich mit der offensichtlichen Verweigerung, die Folgen der NS-Herrschaft affektiv und rational adäquat zu bewältigen. Die Unfähigkeit zu trauern sei ein Problem der Öffentlichkeit in Deutschland, weil es den Menschen immer noch schwer falle, Konsequenzen ihrer Handlungsweise während der NS-Zeit in ihren Nachwirkungen zu akzeptieren. Inhalt: Die Studie beginnt mit der Feststellung, dass die Mehrzahl der Deutschen nach 1945 die Geschehnisse der NS-Zeit aus dem sog. kollektiven Bewusstsein eliminiert habe. Die Nation habe in der Person Hitlers über ein geliebtes Führungsobjekt verfügt, das sie dann verlor. Der >>Führer<< habe für den überwiegenden Teil der Deutschen die Funktion des Ich-Ideals gehabt; demnach seien sie auch bereit gewesen, Hitler in blinder Ergebenheit Gefolgschaft zu leisten, Verbrechen zu begehen und sogar für ihn zu sterben. Nach dem Tod Hitlers hätten die Deutschen demzufolge in tiefe Trauer verfallen müssen. Dies sei jedoch nicht geschehen; vielmehr trat eine gewisse Erleichterung ein, und der anstehende Wiederaufbau nahm alle Kräfte in Anspruch. Das verhältnismäßig rasch folgende >>Wirtschaftswunder<< führte zu einem kollektiven Überlegenheits- und Hochgefühl, das die Zeit des Nationalsozialismus mit seinen Verbrechen ausblendete. Der Prozess des Vergessens, der Verdrängung und Tabuisierung wurde immer mächtiger, was dazu führte, dass die nationalsozialistische Vergangenheit kaum aufgearbeitet worden sei. In vielen Bereichen des öffentlichen Lebens habe es 1945 daher keine >>Stunde Null<< gegeben. In ungebrochener Kontinuität seien 1949 Personen und Strukturen von der neu gegründeten Bundesrepublik, die bald zu weltweiter wirtschaftlicher Geltung gelangen sollte, übernommen worden. Die Deutschen hätten gelebt, als habe es Hitler und die NS-Zeit nie gegeben. Alexander und Margarete Mitscherlich treten für eine kollektive Aufarbeitung der Geschehnisse im Dritten Reich ein, damit sich Derartiges nicht wiederhole. Sie fordern eine Bewältigung der Vergangenheit in analytischer Reflexion. Die Autoren befassen sich also mit kollektivpsychologischen Problemen, die sie gemäß der Lehre der Psychoanalyse, bei der es sich aber hauptsächlich um eine Individualpsychologie handelt, lösen wollen; sie legen als Analytiker gewissermaßen die gesamte deutsche Nation auf die Couch. Wirkung: Der originelle Ansatz entfaltete unter bundesdeutschen Intellektuellen größte Wirkung, wurde von vielen Anhängern der 68er Protestbewegung begeistert aufgenommen und machte nicht an den Grenzen der Bundesrepublik Halt. Das Buch wurde in fast alle Weltsprachen übersetzt und machte seine Autoren im In- und Ausland bekannt. W. G.
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