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März 2005 - kartoniert - 141 Seiten
Der Chiemgau:
Vom Eis geformt, vom Salz geprägt
Eine Landschaft wie aus dem Bilderbuch: Sanfte Hügel und schattige Wälder, blühende Wiesen und verwunschene Moore, reißende Bergbäche und idyllische Seen - und mittendrin, vor der prächtigen Kulisse der Chiemgauer Berge, das "Bayerische Meer": der Chiemsee.
Wie weite Teile des Alpenvorlandes ist auch das Chiemseebecken während der letzten Eiszeit gestaltet worden: Vor etwa 15.000 Jahren hinterließ der sich zurückziehende Chiemseegletscher ein tiefes Becken, das von den abschmelzenden Eismassen und Niederschlägen mit Wasser gefüllt wurde. Einst reichte der Chiemsee von Marquartstein im Süden bis Truchtlaching im Norden. Sein Wasserspiegel lag damals viel höher als heute. Der Seespiegel sank, als sich die Alz tief in die nördlichen Endmoränen eingegraben hatte und so für einen verstärkten Wasserablauf sorgte. Gleichzeitig füllte der Schottereintrag der Tiroler Achen von Süden her den Talboden und damit den Chiemsee auf. Dieser Verlandungsprozess hält im Mündungsbereich der Tiroler Achen heute immer noch an: Um 1800 lag die Gemeinde Grabenstätt noch unmittelbar am Chiemsee, heute ist das Ufer zweieinhalb Kilometer entfernt.
Das Mündungsdelta der Achen stellt heute das einzige sich natürlich entwickelnde Binnendelta Deutschlands dar. Deshalb ist es schon seit Jahren Naturschutzgebiet und darf ganzjährig nicht betreten werden. Beiderseits der Achen sind im Laufe des Verlandungsprozesses Moore entstanden. Eines der bekanntesten dieser südlichen Chiemseemoore sind die Kendlmühlfilzen; auch sie sind Naturschutzgebiet.
Neben dem Chiemsee sind auch viele andere Seen der Region Relikte der Eiszeit. Der Waginger See ist ein Überbleibsel eines Seitenarmes des Salzachgletschers, der Simssee ein Zweigbecken des Inngletschers. Die Eggstätter und die Seeoner Seen dagegen sind Toteisseen: Vom Gletscher abgelöste Teile des Eises wurden mit Gestein zugedeckt und so konserviert. Beim Abschmelzen des Toteises füllten sich die zurückgebliebenen Hohlformen mit Wasser und bildeten die heutigen Seen.
Gletscher bedingen Moränen. Die zähfließenden Eismassen schoben Schotter und Geröll vor sich her und lagerten sie als noch heute sichtbare Hügel an ihren Rändern ab. Beim Radeln bekommen wir diese Hügel stellenweise in einem ständigen Auf und Ab zu spüren.
Was wäre der Chiemgau ohne Berge! Bei fast allen unserer Routen begleitet uns diese märchenhafte Kulisse in Teilabschnitten. Östlich des Achentals erheben sich Hochfelln und Hochgern, westlich des Tals dominiert die Kampenwand. Dahinter sind an klaren Tagen im Osten die Loferer Steinberge zu erkennen, im Westen der Kaiser. Mit drei unserer Touren wagen wir uns ins Gebiet der ersten Ausläufer der Alpen hinein, allerdings ohne extreme Anforderungen. Für die trotzdem nötige Anstrengung beim Erklimmen der unvermeidlichen Anstiege werden wir mit grandiosen Landschaftserlebnissen belohnt.
Auch der Mensch hat über viele Generationen die Landschaft geprägt. Hineingestreut zwischen Wiesen und Wälder erheben sich immer wieder gotische Spitztürme und barocke Zwiebelhauben inmitten beschaulicher Dörfer.
Schon Kelten und Römer besiedelten diesen Landstrich, Bajuwaren und andere Stämme lösten sie ab und schufen im Lauf vieler Generationen diese paradiesische Kulturlandschaft. Ein Paradies freilich, das nicht zuletzt durch die intensive touristische Belastung gefährdet ist.
Entscheidenden Einfluss auf die politische und kulturelle Entwicklung der Region hatten die bayerischen Herzöge und die Salzburger Bischöfe. Vor allem der Rupertiwinkel, das Gebiet zwischen Waging und Salzach, war über mehrere Jahrhunderte salzburgisch. Erst seit 1816, nach dem Wiener Kongress, gehört er zu Bayern. Die Salzach wurde dadurch zum Grenzfluss.
Eine bedeutende Rolle für den Chiemgau spielte zu allen Zeiten das Salz. Neben Saalach, Salzach und Inn, auf denen das kostbare Gut zu Schiff transportiert wurde, benötigte der Salzhandel Straßen. Eine wichtige verlief von Reichenhall über Traunstein nach Rosenheim, wo sich die Route in mehrere Richtungen gabelte. Gewonnen wurde das Salz zum einen in Berchtesgaden, zum anderen in Reichenhall, wo es in Solequellen an die Oberfläche trat und durch Sieden in Sudpfannen gewonnen wurde. Für den Siedeprozess waren große Mengen Holz nötig. Die Wälder um Reichenhall wuchsen jedoch nicht so schnell nach, wie sie abgeholzt wurden. 1619 wurde deshalb die erste Soleleitung von Reichenhall zur neu erbauten Saline nach Traunstein fertiggestellt. Der Bau einer zweiten Soleleitung nach Rosenheim und die Modernisierung der ersten folgten Anfang des 19. Jahrhunderts. 1817 wurde die dritte Soleleitung verlegt. Nun konnte die in Berchtesgaden gewonnene Sole auch nach Reichenhall und in die schon bestehenden Soleleitungen "gepumpt" werden. Ihren Erbauern Hans Reiffenstuel und Georg von Reichenbach haben diese, zu ihrer Zeit sensationellen Meisterleistungen der Ingenieurskunst, einen Platz in der Technikgeschichte gesichert.
Ein kurzes, aber bedeutendes Zwischenspiel gab König Ludwig II. von Bayern vor mehr als hundert Jahren am Chiemsee: Er ließ auf der Herreninsel, nach dem Vorbild Versailles, das Schloss Herrenchiemsee errichten. Dieses zum Bedauern vieler Maler und Schriftsteller, die den Chiemsee und seine Umgegend für sich entdeckt hatten. Schon ein Jahr vor dem Tod des Märchenkönigs musste der Bau jedoch aus Geldmangel eingestellt werden. Ludwig hat keinen Tag darin gewohnt, dafür strömten schon bald die Touristen zu dem prunkvollen Schloss mit seinen phantastischen Wasserspielen. 1948 wurde hier der Entwurf für das deutsche Grundgesetz ausgearbeitet.
Auch die Fraueninsel mit ihrem auf karolingischen Grundmauern errichteten Kloster ist von großem Reiz. Der freistehende (!) achteckige Glockenturm aus dem 10./11. Jahrhundert gilt als Wahrzeichen des Chiemgaus.
Routenauswahl
Alle unsere Touren sind als Rundtouren angelegt, die an Bahnstationen beginnen und enden. An Berührungspunkten lassen sich die Streckenvorschläge miteinander verknüpfen und so variieren. Die Touren sind zwischen 31 und 58 km lang, lassen sich teils aber durch eine Bahnanbindung unterwegs auch verkürzen. Wer die als Tagestouren angelegten Vorschläge zu einer mehrtägigen Radreise kombinieren möchte, findet Übernachtungsmöglichkeiten über die örtlichen Tourismusbüros. Fahrradfreundliche Quartiere stellt das ADFC-Übernachtungsverzeichnis "Bett & Bike in Bayern" zusammen ( Infos finden sich auch bei den regionalen Tourismusverbänden Chiemgau (Tourismusverband Chiemgau, Landratsamt, 83276 Traunstein, Tel. 0861/58223, Fax 0861/64295, und Chiemsee (Chiemsee Tourismus, Chiemsee Infocenter, Felden 10, 83233 Bernau a. Chiemsee, Tel. 08051/96555-0, Fax 08051/96555-30, Informationen zum Netz der Radfernwege im Chiemgau liefern folgende Webseiten: und (Bayernnetz für Radler).
Die Strecken verlaufen überwiegend auf asphaltierten Neben- und verkehrsarmen Landstraßen sowie auf geschotterten Wald- und Feldwegen. Auf notwendige kurze Abschnitte mit mehr Autoverkehr wird in den Kapiteln hingewiesen. Auf Teilstrecken erleichtert die Streckenführung auf ausgeschilderten Radrouten die Orientierung erheblich.
Geeignet sind die Touren für Reise-, Trekking- und Tourenräder sowie Mountainbikes, für Rennräder dagegen eher nicht. Eine Schaltung mit wenigstens fünf Gängen ist empfehlenswert. Zwar ist das Höhenprofil der Touren auf durchschnittlich trainierte Radlerinnen und Radler ausgelegt, doch gelegentlich sind - gerade am Rande der Berge - auch einmal kräftigere Anstiege zu überwinden.
Fahrradtransport in öffentlichen Verkehrsmitteln
Bahn: Die Fahrradmitnahme ist in allen Nahverkehrszügen, also InterRegioExpress (IRE), RegionalExpress (RE) und RegionalBahn (RB), ohne zeitliche Begrenzung möglich. Das Fahrradsymbol in den Einstiegsbereichen außen am Wagen weist den Weg zu den entsprechenden Mehrzweckabteilen, die sich in der Regel am Zuganfang oder Zugende befinden. Darüber hinaus können Fahrräder auch in den Einstiegsbereichen der Nahverkehrszüge abgestellt werden, sofern sie nicht behindern. Züge mit Fahrradbeförderung sind im Fahrplan mit einem Fahrradsymbol gekennzeichnet. Infos zu Bahn & Bike unter: (Rubrik: Service) oder über die Radfahrer-Hotline der Bahn 01805/151415.
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