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Schreiben Sie eine Bewertung für: Nasreddin Hodscha. 666 wahre Geschichten
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August 1996 - gebunden - 318 Seiten
«Ihr Leser der Klappentexte! Dankt Gott, daß er dem Kamel keine Flügel verliehen hat! Denn wenn es Flügel hätte, würde es hochfliegen, sich auf den Schornsteinen eurer Häuser niederlassen und alles zum Einsturz bringen!» Der diese und ähnliche absurde, naivhintergründige oder derb-frivole Weisheiten in Umlauf setzte war ursprünglich - im 13. Jahrhundert - ein für seinen drastischen Witz bekannter Hodscha aus dem südlichen Anatolien. Bald jedoch schon taucht er, zum Teil unter anderen Namen, in arabischen, persischen, zentralasiatischen Anekdoten auf, und heute ist er bekannt von Marrakesch bis Peking, von Assuan bis Pinneberg: jeder Muslim (und auch so mancher nicht-islamische Fan) kennt ihn - oder vielmehr meint, ihn zu kennen. Denn während an seinen Schildbürger- und Geniestreichen von Generation zu Generation weiterfabuliert und der charmante Einfaltspinsel von einst in zahlreichen Dialekten und Sprachen zu einem Schelm mit tausend Gesichtern wurde, verlor sich im Verlauf der Jahrhunderte auch so manches aus dem Erzählrepertoire: mißliebige Herrscher- und Sozialkritik, erotische und blasphemische Eskapaden, sexuelle und skatologische Aspekte... Nasreddin Hodscha, wie er heutzutage als weltweiter Sympathieträger türkischer Mentalität instrumentalisiert und in Dutzenden von Textsammlungen verbreitet wird, ist jedenfalls nicht viel mehr als ein liebenswert-harmloses Abziehbild, eine Karikatur seiner selbst, dessen urwüchsiger Humor nurmehr vereinzelt aufblitzt. Auch die bisherigen deutschen Textausgaben seiner Aussprüche und Heldentaten leiden unter dem Mangel, in ihrer begrenzten Auswahl an Anekdoten ein äußerst einseitiges Bild zu zeichnen - eben das des charmant-feinsinnigen Botschafters orientalischer Weltweisheit. Ulrich Marzolph, der hier eine im deutschen Sprachraum bereits von ihrem Umfang her einmalige Anthologie vorlegt, kann dieses verharmlosende Bild in entscheidenden Punkten korrigieren: In seiner chronologischen Anordnung und Dokumentierung des umfangreichen Erzählrepertoires um Nasreddin Hodscha zeigt der schlagfertige Obertölpel von heute auch wieder seine, gelinde gesagt, recht obszönen Fertigkeiten von einst, wird sein Konterfei wieder so schillernd und abgründig, wie es wohl vor Inbesitznahme durch den türkischen Folklorismus immer war: «Ihr Leser der Klappentexte! Dankt Gott, daß er euch an dieser Stelle mit einem Beispiel verschont!»
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